Dienstag, 12. Oktober 1976
Sitzungen, Gespräche, Anrufe. Ich bin es leid, dauernd zu klagen, doch die Tatsache bleibt: unter diesem ständigen Druck und in dieser Hast ist es unmöglich zu arbeiten. “Vater, wann kann ich Sie sehen?” Kein Ausweg, so geht es zu.
Das heutige Evangelium: “In eurer Ausdauer werdet ihr euer Leben gewinnen” (Lk 21, 19).
Klare, strahlende, kalte Tage.
Die Quelle jeglicher Art falscher Religion ist die Unfähigkeit zur Freude oder eher die Ablehnung der Freude, wobei die Freude, die zweifellos Frucht der Gegenwart Gottes ist, doch etwas ganz Wesentliches ist. Man kann nicht um die Existenz Gottes wissen, ohne sich zu freuen. Nur in Verbindung mit der Freude sind Gottesfurcht und Demut richtig, echt und fruchtbar. Außerhalb der Freude werden sie dämonisch, zur tiefsten Verzerrung religiöser Erfahrung. Zu einer Religion der Angst, zu einer Religion falscher Demut, einer Religion der Schuld: dies alles sind Versuchungen, Fallstricke – und zwar recht kräftige, nicht nur in der Welt, sondern auch innerhalb der Kirche. “Fromme” Leute blicken irgendwie stets mit Argwohn auf die Freude.
Die erste, die Hauptquelle von allem ist: “Meine Seele frohlocke im Herrn…” Sündenangst kann nicht von der Sünde erlösen. Die Freude im Herrn erlöst. Schuldgefühl und Moralismus befreien uns nicht von der Welt und ihren Versuchungen. Freude ist das Fundament der Freiheit, auf dem zu stehen wir alle gerufen sind. Wo, wie, wann ist die Klangfarbe des Christentums verdreht, dumpf geworden – oder eher: wo, wie und weshalb sind die Christen für die Freude taub geworden? Wie, wann und warum hat die Kirche begonnen, anstatt leidende Menschen zu befreien, sie auf sadistische Weise zu beängstigen und zu erschrecken?
Ununterbrochen kommen Menschen und fragen um Rat (heute seit 7 Uhr 30 Beichte und Gespräch, Gespräch, Gespräch, vier Menschen mit Problemen, die späteren Verabredungen nicht mitgezählt. Es ist wohl eine Form von Schwäche oder falscher Scham, die mich davon abhält, einem jeden von ihnen zu sagen: “Ich habe keinen Rat für dich. Alles, was ich habe, ist eine schwache, zitternde, doch für mich unablässige Freude. Möchtest du sie haben?” Nein, du willst nicht. Sie möchten über “Probleme” reden und über “Lösungen” plaudern. Nein, für den Teufel gab es keinen größeren Sieg in der Welt als diese “psychologisierte” Religion. In der Psychologie gibt es alles und jedes. Eines aber ist undenkbar, unmöglich: die Freude!
Mittwoch, 13. Oktober 1976
Fakultätssitzung mit Bericht unserer Delegierten über die Konferenz orthodoxer Theologen in Athen, und ich dachte: Was für eine seltsame Zeit, wieviel ist einfach erfunden – die Reduktion von allem in der Orthodoxie auf die “Väter” und die “Spiritualität”! Sie werden zu einer Art Karikatur, zu Götzen, zu einem Allheilmittel, einer Medizin gegen alles Böse. Der gegenwärtige Triumph eines sektiererischen “nur”! Nur die Väter, nur “Dobrotoljubie”, nur das Typikon. Und bei alledem: Langeweile, Mittelmaß und Mangel an Ernst und Begabung.
Heute früh auf dem Weg zur Kirche sann ich über die Torheit nach, die für mich erschreckendste Frucht der Ursünde. Der Teufel ist gescheit, sagt man immer. Nein, in Wahrheit ist der Teufel über alle Maßen töricht, und seine Torheit ist die Quelle seiner Kraft. Wäre er klug, so wäre er nicht der Teufel; er hätte längst Buße getan und “sich in Asche gesetzt”. Sich gegen Gott auflehnen, ist über alles andere hinaus töricht. Das Wesen des Bösen – Hochmut, Neid, Hass, Freiheitsdrang (“wie die Götter sein”) – kommt von der Torheit. Stalin war töricht, Lenin, Mao waren töricht. Nur ein metaphysischer Tor kann derart von einer einzigen Idee, einer Leidenschaft so besessen sein. Denn Torheit hat durch ihr vereinfachendes Wesen eine große Macht. Die gefallene Welt besteht aus Torheit und geschickter Erfindungsgabe. Torheit ist Betrug, Selbsttäuschung. Der Teufel ist ein Lügner von Anbeginn. In Ewigkeit belügt er sich und andere. Und seine vergifteten Lügen wirken gescheit, vor allem, weil sie schnelle Befriedigung verschaffen. Torheit ist stets zufrieden, und Zufriedenheit macht Eindruck. Kann es wohl etwas Komischeres geben als diese idiotische konventionelle Selbstzufriedenheit des Kommunismus. Aber es funktioniert. Man kann sagen: Torheit ist in der gefallenen Welt deshalb so erfolgreich, weil sie sich ein für allemal für gescheit erklärt, sich den Mantel der Klugheit umgehängt hat. Das ist der Grund, weshalb am Anfang des Christentums und des Evangeliums die Metanoia steht – der Sinneswandel, eine Transposition der Klugheit, nämlich im wahrsten Sinne des Wortes klug zu werden. Darum ist es letzten Endes so furchtbar, wenn die Religion, die, von Christus wieder mit neuem Leben und mit dem Licht des Verstandes gefüllt, zhu einem ausdrücklichen Gottesdienst – Logiki Latreia – geworden ist, zur Torheit zurückkehrt. Der allererschreckendste Aspekt der heutigen Religion ist diese neue Auflehnung gegen den Logos. Vieles davon dient dem Teufel!
Das Wesen des Glaubens ist nicht Verneinung der Klugheit (“weil sie vom Teufel stamme…”). Die Ablehnung der Klugheit ist des Teufels größter und vollkommenster Sieg, ein Triumph der Torheit. Das Wesen des Glaubens besteht vielmehr in der Heilung des Verstandes und seiner Befreiung von der siegreichen Torheit.
Quelle: Vater Alexander Schmemann, Aufzeichnungen 1973-1983, Johannes Verlag Einsiedeln, Freiburg 2002 [Übersetzung aus dem Amerikanischen], S. 193 -195.
Wer war Alexander Schmemann?
Alexander Schmemann (13. September 1921 – 13. December 1983) war ein hervorragender orthodox-christlicher Priester, Lehrer und Schriftsteller des 20. Jahrhunderts.
Schmemann wurde als Kind russischer Emigranten in Tallinn (Reval), Estland, geboren. Seine Familie zog nach Frankreich, wo er seine Universitätsausbildung erhielt. 1943 heiratete er Juliana Osorgin, bevor er sein Theologiestudium am Orthodoxen Theologischen Institut St. Serge (Hl. Sergius) in Paris abschloss (wo er unter anderen zusammen mit dem großen russischen Theologen Sergej Bulgakov studierte) und wurde 1946 zum Priester geweiht.
Laufbahn
Von 1946 bis 1951 unterrichtete Vater Schmemann Kirchengeschichte an Saint Serge. Er wurde an die Fakultät des Saint Vladimir’s Orthodox Theological Seminary, damals in New York City, eingeladen, wo er ab 1951 lehrte. Als das Seminar 1962 auf seinen jetzigen Campus in Crestwood, New York, umzog, nahm Vater Schmemann den Posten eines Dekans an, den er bis zu seinem Tod innehaben sollte. Er fungierte auch als Hilfsprofessor an der University Columbia, der Universität New York, dem Union Theological Seminary und dem General Theological Seminary in New York. Einen Schwerpunkt am Sankt-Vladimir-Seminar legte er auf liturgische Theologie, welche die liturgische Tradition der Kirche als bedeutendes Zeichen und Ausdruck des christlichen Glaubens betont.
Vater Schmemann wurde der Titel Protopresbyter (Erzpriester) verliehen, die höchste Ehrenauszeichnung, die einem verheirateten orthodoxen Priester gewährt werden kann. Er erhielt akademische Ehrengrade von der Butler University, dem General Theological Seminary, dem Lafayette College, dem Iona College und der Holy Cross Greek Orthodox School of Theology.
Tätigkeit
Er war orthodoxer Beobachter beim Zweiten Vatikanischen Konzil der römisch-katholischen Kirche von 1962 bis 1965.
Er war aktiv beteiligt an der Errichtung der Orthodoxen Kirche in Amerika und an ihrer Entlassung in die Autokephalie durch die russisch-orthodoxe Kirche im Jahr 1970.
Seine Predigten wurden 30 Jahre lang auf russisch auf Radio Liberty ausgestrahlt. Er gewann eine breite Gefolgschaft von Hören in der Sowjetunion, unter ihnen Alexander Solschenizyn, der nach seiner Emigration in den Westen sein Freund wurde.
Werke
Vater Schmemann veröffentlichte viele Bücher und Artikel. For the Life of the World, ein populäres Werk über den christlichen Glauben, wie er sich in der Liturgie ausdrückt, ist in elf Sprachen übersetzt worden. Ursprüngllich 1963 als Studienführer für die National Student Christian Federation ausgearbeitet, hatte es sogar eine vom Samisdat im Untergrund in der Sowjetunion veröffentliche anonyme Version. The Eucharist [Die Eucharistie] wurde kurz vor seinem Tod fertiggestellt. Dieses Werk und mehrere Sammlungen seiner Schriften wurden postum veröffentlicht.
- Great Lent: Journey to Pascha (1969)
- For the Life of the World: Sacraments and Orthodoxy (1970)
- Liturgy and Life: Christian Development Through Liturgical Experience (1974)
- Of Water and the Spirit: A Liturgical Study of Baptism (1974)
- Introduction to Liturgical Theology (1975)
- The Historical Road of Eastern Orthodoxy (1977)
- Ultimate Questions: An Anthology of Modern Russian Religious Thought (1977)
- Church, World, Mission: Reflections on Orthodoxy in the West (1979)
- The Eucharist: Sacrament of the Kingdom (1988)
- Celebration of Faith: I Believe… (1991)
- Celebration of Faith: The Church Year (1994)
- Celebration of Faith: The Virgin Mary (1995)
- The Journals of Father Alexander Schmemann 1973-1983 (2000)
Externer Link
Quelle: http://en.wikipedia.org/wiki/Alexander_Schmemann (Übersetzung: karmelblume)






Konservativ und progressiv stehen sich noch immer zähnefletschend entgegen. Die einen beschuldigen die anderen des Verrates. Die Progressiven sagen zu den Lefebvrianern, dass sie ein Schisma beschworen hätten. Die Lefebvrianer sagen zu den Progressiven, dass ei in Irrlehren verharren und wer immer dies tue, in der Exkommunikation lebe, auch wenn niemand davon wisse als nur der Herr. Dies aber bedeute Glaubensabfall. Und das sei deshalb auch um so schrecklicher, weil nach außen der kirchliche Apparat noch strahle, hinter den Kulissen aber heimlich und heuchlerisch Glaubenswahrheiten zersetzt werden, so dass der jetzige Glaubensabfall zu nicht geringen Teilen aus der Kirche selbst geboren worden sei.










