
Beim Gebet.
Früchte des betrachtenden Gebetes.
1. In dem Grade, als die geistige Seite der Menschennatur in dem Gebete zur Geltung kommt und die Mitwirkung des sinnlichen, körperlichen Elementes zurücktritt, gestaltet sich auch das Gebet förderlicher, fruchtbarer für das übernatürliche Leben. Man kann auch im Gebetsleben die Wahrheit des Wortes Christi beobachten: “Der Geist ist es, der lebendig macht, das Fleisch nützt nichts.” Diese Anschauung wird uns in ihrer Richtigkeit klar werden, wenn wir uns die Wirkungen oder Früchte des betrachtenden Gebetes nach der Lehre der heiligen Theresia vergegenwärtigen, die vollkommen davon überzeugt ist, dass das rein betrachtende Gebet in Hinsicht auf die innere Heiligung dem mündlichen Gebete vorzuziehen ist.
Die Heilige stützt sich für diese ihre Ansicht hinsichtlich des inneren Vorzuges des betrachtenden Gebetes vor dem mündlichen auf ihre eigene Erfahrung; sie sagt von den ersten Jahren ihres Klosterlebens: “Bald begann ich wieder, mich von einer Zerstreuung in die andere, von einer Eitelkeit in die andere und von einer Gelegenheit in die andere zu werfen. Unvermerkt ward ich so vielen Gelegenheiten ausgesetzt und meine Seele in so viele Eitelkeiten verwickelt, daß ich mich schon scheute, mich durch eine so besondere Vertraulichkeit, wie das Gebet”, – das innere oder betrachtende, wie dem Gedankengange nach zu ergänzen ist, – “sie gewährt, zu Gott zu wenden und mich ihm zu nähern.” – “Diese Scheu vor dem” betrachtenden “Gebete war der schädlichste Betrug, den mir der Arge (Teufel) zufügen konnte. Unter dem Scheine der Demut, weil ich mich nämlich so bösartig erblickte, scheute ich mich, mich dem” betrachtenden “Gebete zu ergeben.” – “Ich wollte lieber das, was meine Pflicht” als Klosterfrau “forderte, mündlich beten, als durch das innere Gebet mit Gott eine Vertraulichkeit pflegen.” Erst als die Heilige anfing, mit Energie und Beharrlichkeit die Betrachtung zu üben, machte sie im übernatürlichen Tugendleben große Fortschritte.
Wenngleich also Theresia in den ersten Zeiten ihres Ordenslebens das innere Gebet vernachlässigte, so war sie doch schon damals über den höheren Wert der Betrachtung vor dem mündlichen Gebete mit sich im reinen; diese Überzeugung liegt auch zugrunde ihrem Bemühen, andere für die Übung der Betrachtung zu gewinnen: “Obgleich in Eitelkeiten verstrickt, belehrte ich doch diejenigen, welche zu vielen mündlichen Gebeten Neigung hatten, wie sie eine Betrachtung anstellen könnten, unterwies sie und gab ihnen Bücher dazu.”
Dieser Ansicht von der hohen Bedeutung des betrachtenden Gebetes für die nach Vollkommenheit ringenden Seelen ist die heilige Theresia in ihrem späteren Leben nicht bloß getreu geblieben, sondern sie hat sich auf Grund reicher Erfahrungen, die sie an ihrem eigenen inneren Leben und an dem Leben ihrer Töchter zu machen Gelegenheit hatte, eher verstärkt als vermindert. Eine Reihe von Aussprüchen aus dem Munde der Heiligen tritt für diese Behauptung ein.
2. Theresia sieht im betrachtenden Gebete das kräftigste Mittel zur wahren Lebensbesserung: “Was ich aus eigener Erfahrung sagen kann, ist dieses: Wer es,” das innere Gebet, “einmal angefangen hat, der gebe es um seiner Fehler willen nicht wieder auf, denn es ist das Mittel, durch welches er wieder aufstehen und auf den rechten Weg zurückgebracht werden kann, was ohne dasselbe schwer gehen wird. Lasse sich doch niemand … von dem bösen Feinde bereden, aus falscher Demut es aufzugeben!” “Wer aber diese Übung noch gar nicht angefangen hat, den bitte ich um der Liebe Gottes willen, er wolle sich eines so großen Gutes nicht berauben.” “Wenn einer hier auch nicht gleich auffallende Fortschritte macht und sich noch nicht Gewalt antut, zu einer solchen Vollkommenheit zu gelangen, daß er des Trostes und der Wonne, die Gott treuen Seelen zu erteilen pflegt, teilhaftig wird, so wird er doch wenigstens so viel gewinnen, daß er zur Erkenntnis des Weges zum Himmel gelangt. Bleibt er nur beharrlich darin, so hoffe ich für ihn zu dem barmherzigen Gott, den noch niemand zum Freunde erwählt hat, dem er es nicht im Überfluß vergolten hätte.”
Die hohe Meinung von dem übernatürlichen Einflusse der Betrachtung auf die Lebensbesserung raubte, wie diese Stelle zeigt, der Heiligen nicht den klaren Blick und das Verständnis für die Schwäche und Trägheit der menschlichen Natur gegenüber den übernatürlichen Einflüssen und den Wahrheiten des Glaubens. Sie erwartet keine Wunder von der Betrachtung. Ihre tiefe Kenntnis des menschlichen Herzens und die beständige Selbstbeobachtung täuscht sie nicht über die Tatsache, daß die entschiedene Hingabe an die Betrachtung zunächst, ähnlich der anfänglichen Wirkung einer kräftigen Medizin, eine innere Krisis herbeiführt und daß sich dieser kritische Zustand nur dann zum Guten wendet, wenn die begonnene Übung nicht wieder aufgegeben wird.
Eine sehr anschauliche Schilderung dieses im Innern sich abspielenden Kampfes zwischen Hingabe an die Welt und Anschluß an Gott, zwischen Sinnlichkeit und Vernunft, zwischen selbstischen und höheren Zwecken liefert uns die Heilige in ihrer Selbstbiographie: “Ein Beichtvater aus dem Dominikanerorden befahl mir, die Betrachtung ja nicht aufzugeen, weil sie von unverkennbarem Nutzen sei. Daher fing ich an, dieselbe wieder zu üben, und ich habe sie auch nie mehr unterlassen, obgleich ich die Gelegenheiten” zur Zerstreuung und zur Ausgegossenheit ins Weltliche “noch nicht vermied. Mein damaliges Leben war sehr trübselig. Unter dem Gebete lernte ich erst meine Fehler besser erkennen. Auf der einen Seite rief mich Gott, auf der anderen folgte ich der Welt. Die göttlichen Dinge hatten zwar großen Reiz für mich, aber die weltlichen Dinge hielten mich noch gefesselt. Ich schien zwei so entgegengesetzte Dinge, das geistige leben mit dem geistigen Trost und die sinnlichen Freuden und Vergnügungen, miteinander vereinigen zu wollen. Unter dem Gebete litt ich viele Mühseligkeit; denn der Geist war nicht Herr, sondern Knecht.” – Nur der Beharrlichkeit und Ausdauer in der Übung des betrachtenden Gebetes verdankt Theresia den endlichen Sieg der Gnade in dieem schwankenden Ringen zwischen den Bestrebungen der Natur und Übernatur.
3. Die Betrachtung ist ein Mittel zur Erlangung der Tugenden.
Wer entschlossen ist, dasjenige zu tun, was man unter den allgemeinen Begriff “Lebensbesserung” faßt, also den Rückfall in die früheren Sünden und Laster zu meiden und den Weg der Gebote Gottes zu betreten, besitzt damit noch nicht die Tugenden, die den vorher verübten Sünden und Lastern entgegengesetzt sind; die Ausrottung oder vielmehr Bändigung der sündhaften Neigungen oder – was dasselbe ist – die Erwerbung der Tugenden verlangt eine langwierige Übung und Selbstüberwachung und die beharrliche Übung des Gebetes. Die heilige Theresia weist nun dem innerlichen Gebete mit Vorzug diese das Herz umschmelzende und umgestaltende Wirksamkeit zu. Sie äußert sich hierüber also: “Die Betrachtung ist ein Anfang zur Gewinnung aller Tugenden.” – “Kein Mensch, wie verkommen er auch sein mag, soll sie unterlassen, wo ihn Gott zu einem so vortrefflichen Gute erweckt.” Die Überzeugung, daß die beharrlich geübte Betrachtung notwendig das Tugendleben zur Folge habe, beherrscht die Heilige derart, daß sie die Übung der Tugenden als das charakteristische Merkmal des Standes der Betrachtung ansieht, wie die folgenden Worte beweisen: “Den Seelen, die in diese dritte Wohnung eingetreten sind,” nach ihrem System von den verschiedenen Wohnungen der Seelenburg will die Heilige damit die dem betrachtenden Gebete obliegenden Seelen bezeichnen, “hat der Herr nicht bloß eine geringe, sondern eine sehr große Gnade verliehen, daß sie die ersten Schwierigkeiten überwinden konnten. Solche Seelen findet man meines Erachtens durch Gottes Güte sehr viele in der Welt; sie haben das ernstlichste Verlangen, die göttliche Majestät ja nie mehr zu beleidigen, sie suchen sich auch vor läßlichen Sünden zu bewahren, nehmen Bußübungen vor und halten ihre Stunden innerer Sammlung; sie wenden ihre Zeit gut an, üben sich in Werken der Liebe gegen den Nächsten und sind sehr eingezogen im Reden, in der Kleidung und in ihrer Hausordnung.”
4. Wenn wir die Lehre der heiligen Theresia über die Früchte des betrachtenden Gebetes kurz zusammenfassen, so läßt sich die sittigende Wirksamkeit desselben mit dem Einflusse der Frühlingssonne auf den allmählich verziehenden Winter vergleichen. Ein langer Kampf entspinnt sich zwischen Kälte und Wärme; rauhe Fröste wechseln mit sonnigen Tagen; Hagelschauer und Schneegestöber, die letzten Anstrengungen des weichenden Winters, verscheuchen wiederholt die vordringlichen Boten des Frühlings; aber immer wieder aufs neue und immer siegreicher dringt die warme Frühlingssonne vor, bis sie endlich die volle Herrschaft erlangt. Ähnlich gestaltet sich der seelische Streit in demjenigen, der sich mit Beharrlichkeit dem innerlichen Gebete ergibt. Lange wogt der Kampf zwischen Natur und Gnade hin und her; die Sinnlichkeit stürmt immer wieder auf den Menschen ein, umdüstert seinen klaren Blick, sucht ihm den Verkehr mit Gott, der erwärmenden Geistersonne, zu verleiden; wer aber beharrlich bleibt, entringt der niederen Natur ein Terrain um das andere, bis die Gnade und die Tugenden die volle Obmacht erlangen.
Aus: Gebetsschule der hl. Theresia. Neu herausgegeben von Fr. Joseph vom Hl. Geiste, Carm. Disc. Mit oberhirtlicher Druckgenehmigung. Regensburg, Rom, New York und Cincinnati, 1911.