
Thales von Milet. Über ihn erzählt Platon diese Anekdote: "Gerade so, Theodoros, wo man erzählt, dass auch Thales astronomische Beobachtungen anstellte und nach oben schaute; und als er dann in einen Brunnen fiel, soll eine witzige und reizende thrakische Magd ihn verspottet haben, dass er begierig sei, die Dinge am Himmel kennenzulernen, aber keine Ahnung von dem habe, was hinter ihm sei und zu seinen Füßen liege" (Theaitetos 174a)
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Theoretisches Denken ist oft nur ein Gedanke ohne Erfahrung und ohne eigentliche Beschäftigung mit den Tatsachen. Dieses Denken lässt einen glauben, viele Dinge würden in ganz natürlicher Weise ohne Hindernisse ablaufen. Die Abläufe folgen anscheinend bestimmten Regeln, die der theoretisch denkende Mensch verinnerlicht hat.
Zu vergleichen ist das mit einem Menschen, der sagt, dass die Entfernung zwischen zwei Städten auf dem Seeweg soundso viele Meilen beträgt. Wenn das Schiff mit einer bestimmten Geschwindigkeit fährt, müsste es an dem und dem Tag ankommen, zu der und der Stunde.
In Wirklichkeit aber kann das Schiff durch Wellen und Wind bedroht werden oder zum Stillstand kommen. Vielleicht kann es mit Schwierigkeiten seinen Kurs beibehalten, vielleicht muss es aber auch seine Richtung ändern. Es könnte viele Tage später eintreffen, vielleicht aber auch niemals.
Die Realität ist voller Hindernisse, die niemand kennt, außer demjenigen, der sie im praktischen Leben in all ihren Einzelheiten erfahren hat.
Der theoretisch denkende Mensch sitzt an seinem Schreibtisch und schreibt seine Gedanken nieder, nur Gedanken, und er wird sich darüber wundern, warum es nicht funktioniert! Er kann natürlich kritisieren und anderen die Schuld geben. Vielleicht wird seine Kritik zur Anklage, und er beschuldigt andere schließlich der Nachlässigkeit, der Unachtsamkeit oder des fehlenden Wissens.
Bei diesen theoretischen Anklagen würde er sich nicht die praktischen Hindernisse bewusst machen, so wie ein Sprichwort sagt: “Wehe dem Denker, der – im Vergleich zum Unwissenden – von einer Sache weiß.”
Wenn sich dieser Mensch der Art der Situation und der tatsächlichen Ergebnisse und Hindernisse bewusst gewesen wäre, hätte er die meisten seiner Gedanken miteinander verknüpfen können. Ein einziges Hindernis kann viele kluge Pläne durcheinanderbringen.
Ein Praktiker, die der Wirklichkeit ins Auge geschaut hat und das Leben aus Erfahrung kennt, würde ohne weiteres verstehen, dass die Dinge sich nicht so entwickeln, wie es seinen Plänen und Wünschen entspricht. Er kennt den Boden, auf dem er sich bewegt. Aber auch einige Pläne bezieht er in seine Überlegungen ein. Jeder Fehlschlag, der ihm passiert, wird seine Erfahrung und sein Wissen vergrößern und sein zukünftiges Denken praktischer ausrichten. Der Theoretiker wird denken, dass sich Veränderungen durch eine Anzahl von Anweisungen und Entscheidungen erreichen lassen, während sich der praktische Denker fragt, was die Auswirkungen dieser Entscheidungen wären. Wenn er eine Entscheidung trifft, verfolgt er den Fortlauf seiner Entscheidung in der Praxis. Geht der Prozess natürlich voran, oder hat er Verzögerungen? Und wenn es einen Halt gibt, warum? Was ist die Lösung? Muss etwas geändert werden?
Mein Bruder, sei kein Theoretiker in deinem Denken. Kritisiere nicht so schnell andere, sondern beschäftige dich mit den Tatsachen und sei ein Praktiker.
Quelle: Worte zum geistigen Gewinn , Teil 1, von S. H. Papst Schenuda III., Abbassia Kairo-Ägypten 1993, S. 27 f.